Zeitenwende im Glas: Früher Zucker, heute Heimat! Von Detlev, dem Weinflüsterer

 

Kurz erlärt:

Germanisches System - Romanisches Modell 

Alt gegen Neu

Die deutsche Weinwelt steht gerade Kopf (oder baut sich neu auf). Seit der Reform 2021 befinden wir uns in einer Übergangsphase, die genau jetzt, mit der Ernte 2025/2026, voll zuschlägt.

Das alte System ("Was an Zucker in der Traube ist, bestimmt die Qualität") wird durch das romanische Modell ersetzt: „Je enger die Herkunft, desto höher die Qualität.“

Früher (vor der Reform 2021, hier wurde das Neue Weingesetz beschlossen, die jetzt voll greift) drehte sich in Deutschland alles um das Mostgewicht, also den Zuckergehalt der Trauben bei der Ernte. Man nannte das das „Germanisches System“.

Kurz gesagt: Je mehr Zucker in der Traube war, desto „höher“ war die Qualitätsstufe auf dem Papier. Das sah dann so aus:

Die „alte“ Pyramide (nach Zuckergehalt):

  1. Prädikatsweine (Die Spitze):

    • Trockenbeerenauslese / Beerenauslese / Eiswein: Die süßen, konzentrierten Könige.

    • Auslese: Edelsüß oder kräftig trocken.

    • Spätlese: Reife Trauben, später gelesen.

    • Kabinett: Leichte, feinfruchtige Weine (die Basis der Prädikate).

  2. Qualitätswein (QbA): * Das war die riesige Masse. Hier durfte der Winzer sogar noch mit Zucker nachhelfen (Chaptalisierung), um mehr Alkohol zu bekommen.

  3. Landwein / Deutscher Wein (Tafelwein):

    • Die einfache Basis für den Schoppen.


Was war das Problem daran?

Man wusste zwar, dass eine Spätlese „reifer“ war als ein Kabinett, aber man wusste nicht, ob sie aus einer Spitzenlage oder vom flachen Feld neben der Autobahn kam. Ein Wein vom „Aldenhofener Rübenacker“ konnte theoretisch das gleiche Prädikat haben wie einer vom weltberühmten „Schlossberg“, solange der Zuckerwert stimmte.

Der große Unterschied zu heute:

  • Früher: Qualität = Zucker/Oechsle (Wie reif ist die Traube?).

  • Heute (Reform 2021/2026): Qualität = Herkunft (Wo genau wächst der Wein?).

Wir sind also vom „Zucker-Modell“ zum „Lagen-Modell“ (wie in Frankreich) gewechselt: Je kleiner die Herkunftsangabe auf dem Etikett (z.B. nur noch die Parzelle statt das ganze Anbaugebiet), desto wertvoller ist der Stoff.

Das Prädikat (Kabinett, Spätlese etc.) darf heute zwar noch draufstehen, aber es dient jetzt eher dazu, den Stil (z.B. fruchtsüß) zu beschreiben, während die Pyramide (GG, Ortswein etc.) sagt, wie exklusiv die Lage ist.

Viele von uns sind mit dem alten System aufgewachsen. Da hieß es: „Spätlese ist besser als Kabinett.“ Aber warum eigentlich? Hier ist der schnelle Check, was sich geändert hat:

Das alte System (Der „Zucker-Wahn“)

Früher galt das „Germanische System“. Die Qualität wurde fast ausschließlich am Mostgewicht gemessen – also daran, wie viel Zucker die Trauben bei der Ernte hatten.

  • Das Motto: Je süßer und reifer die Traube, desto höher das Prädikat.

  • Die Folge: Es war egal, wo der Wein wuchs. Eine „Spätlese“ konnte vom steilsten Schieferhang kommen oder vom flachen Acker neben der Fabrik – Hauptsache, der Zuckerwert stimmte.

  • Die Verwirrung: Man wusste nie: Ist die Spätlese jetzt trocken oder süß? Das stand oft nur im Kleingedruckten (oder gar nicht).

Das neue System (Der „Herkunfts-Stolz“)

Seit der Reform (die wir jetzt 2026 voll auskosten) orientieren wir uns am „Romanischen Modell“ (wie in Frankreich oder Italien).

  • Das Motto: „Je enger die Herkunft, desto höher die Qualität.“

  • Die Logik: Ein Wein, der den Namen einer ganz speziellen, kleinen Weinbergslage (Lagenwein) tragen darf, ist wertvoller als einer, der nur nach dem ganzen Dorf (Ortswein) oder gar nur nach dem Bundesland (Anbaugebiet) benannt ist.

  • Der Vorteil: Wir wissen endlich, was wir im Glas haben! Die Lage bürgt für den Charakter und den Boden (Terroir), nicht mehr nur die Waage im Presshaus.

Die neue deutsche Wein-Pyramide (Stand 2026)

StufeBezeichnungDas steckt dahinter (Detlev-Check)
1. SpitzeGroßes Gewächs (GG)Das absolute Nonplusultra. Einzellage, Handlese, strenger Ertragsdeckel (50 hl/ha). Weißweine kommen erst ab Sept. des Folgejahres raus.
2. SpitzeErstes GewächsDie "Vize-Spitze". Auch aus einer Einzellage, aber mit etwas lockereren Regeln als das GG, trotzdem oberstes Regal.
3. GehobenLagenweinWeine aus einer definierten Einzellage. Der Name der Lage muss immer mit dem Ort zusammen auf dem Etikett stehen (z. B. Jüchener Schlossberg).
4. MittelbauOrtsweinStammt aus einer Gemeinde oder einem Ortsteil. Der Botschafter des Terroirs eines ganzen Dorfes.
5. BasisRegion(Früher Großlage/Bereich). Weine aus einem größeren Verbund. Hier steht "Region" vor dem Namen (z. B. Region Rheingau).
6. FundamentAnbaugebietDer klassische Qualitätswein (g.U.) aus einem der 13 Gebiete (z. B. einfach nur Pfalz).
7. BodenLandwein / Deutscher WeinDie unkomplizierten Schoppenweine für jeden Tag.

Was ist mit Kabinett, Spätlese & Co.?

Keine Sorge, die alten Begriffe sterben nicht aus! Aber sie haben einen neuen Job:

  • Sie beschreiben heute eher den Stil.

  • Wenn du heute „Kabinett“ liest, darfst du dich meistens auf einen leichten, oft feinherben oder restsüßen Wein freuen.

  • Die echte „Qualitäts-Hierarchie“ (wer ist der Chef im Ring?) wird aber über die Herkunft (Gutswein -> Ortswein -> Lagenwein -> Großes Gewächs) geregelt.


Detlevs Merksatz für die nächste Weinprobe: Früher haben wir die Süße gejagt, heute suchen wir den Boden! 🍷🏔️


Ist das Neue System schon ein Gesetz oder nur nur von VDP?

⚖️ Detlev klärt auf: Ist das nur Marketing oder Gesetz?

Hier wird’s oft verwechselt, also passt auf: Lange Zeit war dieses System (Gutswein, Ortswein, 1. Lage, Große Lage) das Markenzeichen des VDP (dem Verband der rund 200 Spitzenwinzer mit dem Adler auf der Kapsel). Die haben das quasi erfunden und jahrelang vorgelebt.

Aber jetzt kommt’s: Seit der großen Reform des deutschen Weingesetzes (beschlossen 2021) ist dieses Herkunftsprinzip offizielles Gesetz für ALLE!

Egal ob Genossenschaft, kleiner Familienbetrieb oder Edel-Weingut: Das alte Gesetz von 1971 (das nur auf Zucker starrte) wurde in Rente geschickt. Wir befinden uns jetzt mitten in der Phase, in der jeder Winzer in Deutschland seine Weine nach dieser neuen Pyramide klassifiziert.

Was bedeutet das für euch am Regal?

  • Wenn ihr heute ein „Großes Gewächs“ oder einen „Ortswein“ kauft, ist das kein netter Werbespruch, sondern eine staatlich geprüfte Qualitätsstufe.

  • Die Politik hat erkannt: Wenn wir weltweit mit den Franzosen und Italienern mithalten wollen, müssen wir zeigen, woher der gute Stoff kommt, statt nur zu messen, wie süß er war.

Detlevs Fazit: Der „Adler-Club“ (VDP) war der Vorreiter, aber heute ist die Herkunft das neue Gesetz für ganz Wein-Deutschland. Ein echtes Upgrade für uns Genießer! 🍷

„Also, ihr Lieben: Vergesst beim nächsten Einkauf das Zucker-Zählen und sucht euch mal gezielt einen ‚Ortswein‘ aus eurer Lieblingsregion. Das ist quasi die Visitenkarte des Winzers – und wenn der Ort stimmt, bleibt das Auge trocken und die Kehle feucht! In diesem Sinne: Ab an die Korkenzieher, testet das neue System am lebenden Objekt und schreibt mir, ob ihr den Boden schon schmecken könnt. Prost, euer Detlev, der Weinflüsterer!“ 🍷✨

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